Positive Psychologie, Teil II

Worum geht es?

Die Positive Psychology teilt mit anderen Zweigen der Psychology dieselben wissenschaftlichen Grundlagen. Sie unterscheidet sich aber von diesen in Ihrer Zielrichtung: es geht ihr weniger um die Behandlung von psychischen Krankheiten, sondern um das persönliche Aufblühen („flourishing“) im Sinne von Entwicklung und Realisierung des individuellen, menschlichen Potentials, Verbesserung der Lebensqualität und Gestaltung eines erfülltes Lebens. Ziel der Positiven Psychologie ist, Glück, Wohlbefinden, und Lebenszufriedenheit zu stärken. Es geht um die Entwicklung positiver Emotionen, positiver Eigenschaften, positiver Erlebnisse und einer positiver Gesellschaft.

In der akademischen Diskussion werden detaillierteste Unterscheidungen zwischen den Zuständen von Glück („happiness“), Wohlbefinden („well-being) und Lebenszufriedenheit („life-satisfaction“) als Ziele der Positiven Psychologie getroffen. In der Praxis sind diese Unterscheidungen jedoch kaum relevant und werden diese Begriffe austauschbar verwendet. Die Methoden zielen darauf auf ab, Optimismus und Selbstbewusstsein zu fördern, positive Emotionen und Erfahrungen zu erleben, Resilienz zu stärken und Flow zu erfahren. Umgekehrt gesagt, mangelt es an einem dieser Zustände (Glück, Wohlbefinden oder Lebenszufriedenheit), dann bietet die Positive Psychologie effektive Hilfe.

In der Praxis relevanter ist die Unterscheidung zwischen Psychotherapie einerseits und psychologischer Beratung und Coaching andererseits. In der Psychotherapie werden die Methoden der Positiven Psychologie, gemeinsam mit anderen Methoden, angewandt um definierte psychische Krankheiten zu behandeln, wie z.B. klinische Depressionen. Hingegen arbeitet die psychologische Beratung und das Coaching mit grundsätzlich gesunden Menschen, die ihr persönliches Potential weiter entwickeln möchten oder denen es aus verschiedenen Gründen an Lebens-Zufriedenheit oder -Qualität mangelt, z.B. depressive Verstimmungen, Pessimismus, soziale und Beziehungsprobleme, Krisen, Sinnfragen, oder einfach generelles Unwohlsein. Eine wichtige Rolle hat die Positive Psychologie auch in der Prävention von psychischen, ebenso wie körperlichen, Krankheiten und der langfristigen Stabilisierung nach erfolgreich abgeschlossenen Therapien und Behandlungen.

Die 5 wesentlichen Säulen von Glück (Wohlbefinden/Lebenszufriedenheit) stellt Seligman (1) im PERMA Model dar:
Positive Emotionen: Freude, Liebe, Optimismus, Zufriedenheit, Dankbarkeit, etc.
Engagement: in einer Tätigkeit aufgehen (Flow-Zustand) (2)
Relationships: positive Beziehungen mit Partnern, Familie, Freunden und Kollegen
Meaning: Sinn und Bedeutung im Leben und in Tätigkeiten sehen
Achievement: Ziele erreichen und Erfolge erleben
Weiters tragen die Förderung und Nutzung von Tugenden und Charakterstärken wesentlich zu Glück (Wohlbefinden/Lebenszufriedenheit) bei (3). Die Positive Psychologie bietet effektive Methoden zur Stärkung der 5 PERMA Elemente, ebenso wie von Tugenden und Charakterstärken. In diesen Methoden werden laufend neueste Erkenntnisse der Psychologie und der Biologie (z.B. Neurowissenschaften und Endokrinologie) integriert.

Historisch wurde in der Glücksforschung, zurückgehend bis zu den griechischen Philosophen, zwischen hedonischem und eudaimonischem Glücksverständnis unterschieden. In der hedonischen Perspektive geht es um Maximierung von angenehmen (oft oberflächlichen und kurzfristigen) Gefühlen, wie Spass und Genuss, unter gleichzeitiger Vermeidung von unangenehmen Erfahrungen und Schmerz. Hingegen bezieht sich die eudaimonische Perspektive von Glück auf die Erfahrung von tiefgreifenden, langfristig anhaltenden positiven Emotionen, wie Freude, Liebe, Dankbarkeit, etc. Weiters geht es um Handlungen im Einklang mit seiner inneren Natur und zum Allgemeinwohl, die Entfaltung seines Potentials, die Erfahrung von Sinn und die Kultivierung persönlicher Stärken und grundlegender Werte. Die moderne Positive Psychologie basiert primär auf der eudaimonischen Perspektive, integriert aber auch hedonische Elemente. Ja, auch Spass und Genuss sind wichtig.

Die Positive Psychologie baut auf Selbst-Verantwortung und Selbst-Wirksamkeit. Aber mehr dazu in Teil III der Einführung in die Positive Psychologie.

(1) Seligman, Martin (2011). Flourish. New York: Free Press
(2) z.B. Nakamura, J.; Csikszentmihályi, M. (2001). „Flow Theory and Research“. In C. R. Snyder Erik Wright, and Shane J. Lopez (ed.). Handbook of Positive Psychology. Oxford University Press. pp. 195–206.
(3) z.B. Park, N., Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Strengths of character and well-being. Journal of Social and Clinical Psychology, 23, pp. 603–619.

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